Der angebliche „Porno-Skandal“ und seine Folgen

Ende Oktober starteten erzkatholische Gruppen einen regelrechten Kreuzzug gegen den Augsburger Weltbild-Verlag, der zu 100% der katholischen Kirche gehört. Das Ergebnis dieser Diffamierungs-Kampagne: der Notverkauf des Marktführers im deutschen Buchhandel mit über 6.400 MitarbeiterInnen.

Auf teils obskuren Internet-Seiten wie kreuz.net und kath.net diffamierten SektiererInnen das renommierte Verlagsunternehmen als „größten Pornohändler im Netz“ und schmähten die deutschen Bischöfe als „Porno-Produzenten“. Die katholischen Taliban lösten damit den größten Skandal innerhalb der Kirche seit Bekanntwerden des massenhaften Missbrauchs von Kindern durch katholische Priester aus. Obwohl die Vorwürfe jeder Grundlage entbehren, entschied die Deutsche Bischofskonferenz am 21.11.2011, die Verlagsgruppe Weltbild „ohne jeden Verzug“ zu verkaufen. Jetzt fürchten über 6.400 MitarbeiterInnen um ihre Arbeitsplätze.

Dabei hat Weltbild niemals Pornografie verkauft. Die erotischen Romane und Aufklärungs-Sachbücher, die den Zorn der lebensfernen Eiferer erregen, finden sich ausschließlich im Angebot von weltbild.de. Im Internet hat Weltbild sein originäres Programm im Rahmen eines Dienstleistungsvertrags um das Angebot der Großhändler KNV und libri erweitert. Deren Sortiment ist in jedem Buchladen Deutschlands zu bestellen – übrigens auch in vielen Dombuchhandlungen. Das Angebot der Großhändler umfasst zusammen rund 700.000 Titel, deren Datensätze täglich aktualisiert werden. Es ist schlicht unmöglich, jedes Buch daraufhin zu untersuchen, ob sein Inhalt eventuell das Missfallen irgendwelcher Frömmler erregen könnte. Und das ist eigentlich auch gar nicht relevant: In Summe macht der Verkauf der inkriminierten Titel 0,017% des Umsatzes aus. Ganz viel Weihrauch um nichts, möchte man meinen. Aber mit möglicherweise gravierenden Folgen für die Belegschaft.

Die MitarbeiterInnen und ihre Familien sollen die Zeche zahlen für einen innerkirchlichen Konflikt, der seit Jahren schwelt. Seit mehr als einem Jahrzehnt rangeln konservative und liberale Gruppen um die Deutungshoheit innerhalb der katholischen Kirche. Mit der Wahl des Dogma-Kardinals Joseph Ratzinger zum Papst erhielt der konservative Flügel Aufwind und lässt jetzt die gebenedeiten Muskeln spielen. Weltbild ist ein Bauernopfer im katholischen Richtungsstreit, und vieles spricht dafür, dass sich die Kirche in naher Zukunft von weiteren Unternehmen trennen wird. Katholische Kreditinstitute, z. B. die Liga-Bank, sind genauso ins Visier der Eiferer geraten wie die Caritas als sozialer Träger.

Mit ihrem breit gefächerten wirtschaftlichen Engagement steht die reichste Kirche der Welt in einem dauerhaften Konflikt. Die Kirchensteuern wollen gut, das heißt gewinnbringend, angelegt werden. Das zwingt die Banker Gottes gerade im Aktienhandel zu irrwitzigen moralischen Verrenkungen: 5% Fonds-Anteile an Waffenfabriken zum Beispiel seien ethisch vertretbar, hieß es jüngst. Aber auch in anderen Bereichen schätzt die katholische Kirche den Mammon mehr als die Menschenliebe: Die Caritas beispielsweise – mit 507.000 MitarbeiterInnen der größte private Arbeitgeber Deutschlands – wird seit Jahren wegen ausbeuterischer Arbeitsbedingungen massiv kritisiert. Der Vatikan guckt weg: Geändert hat sich nichts.

Anders bei Weltbild: In der Augsburger Zentrale herrschen zwar keine himmlischen Zustände, aber immerhin vernünftige Arbeitsbedingungen. Das ist einerseits das Verdienst von engagierten BetriebsrätInnen und einer aktiven Gewerkschaft ver.di – andererseits aber auch einem Geschäftsführer Carl Halff zu verdanken, unter dessen Führung die MitarbeiterInnen aus einer quasi insolventen katholischen Klitsche den Markführer des deutschen Buchhandels gemacht haben. Nach 36 Jahren soll dieses Erfolgsmodell auf den Opferaltar katholischer Partikular-Interessen gelegt werden.

Und das zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt: Deutschlands größter Buchhändler steckt mitten in der wichtigsten Umstrukturierung der Unternehmensgeschichte. Die komplette IT-Infrastruktur wird umgekrempelt, die Positionierung im Buchmarkt völlig neu definiert und die Logistik soll künftig mit Amazon Schritt halten können. Belegschaft und Geschäftsführung müssen sich jetzt auf ihr Geschäft konzentrieren, statt katholische Scheiterhaufen zu löschen.

Wenn Weltbild mitten in der Reorganisation in die Hände rein profitorientierter Investoren übergehen sollte, wird das unabsehbare Folgen für die MitarbeiterInnen haben. Das Unternehmen wird womöglich zerschlagen, einzelne Teile weiterverkauft, andere werden schlicht dichtgemacht. Das absehbare Resultat: der Verlust hunderter Arbeitsplätze, schlechtere Arbeitsbedingungen für diejenigen, die bleiben dürfen, Tarifflucht usw. Kurz: Menschen, die zum Teil seit Jahrzehnten für den Reichtum der katholischen Kirche arbeiten, werden im Namen der christlichen Lehre ihrer wirtschaftlichen Basis beraubt – zusammen mit ihren Familien.

Passt das zu den Prinzipien der katholischen Soziallehre? Trotzdem haben die Moralapostel aus der katholischen Schmuddelecke alles getan, um dieses Szenario Wirklichkeit werden zu lassen. Oder steckt hinter der ganzen – übrigens ziemlich professionell inszenierten – Kampagne eine Gruppe von Spekulanten, die Weltbild zum Schnäppchenpreis einsacken will? Dann wird die Kirche irgendwann feststellen, dass sie sich nicht nur vor den kapitalistischen Karren hat spannen lassen, sondern dass sie am Ende auch noch den Bock zum Gärtner gemacht hat.

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